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Magazin des Instituts für Interne Kommunikation e.V.

„Wir müssen handeln wie diese Eichhörnchen“

Ein handschriftlich aufgesetzter Brief aus der Woche 2 der Ausgangsbeschränkungen am 31. März anno domini 2020 - von Josef Schmaus

Liebe unverzagte Kommunikations-Kämpfer da draußen an den Internet-Empfängern!

Da fuchteln wir alle ziemlich herum: Die tänzelnden Florett-Fechter ebenso wie die alten Haudegen. Angesichts eines so kleinen Dingens wie einem Virus. Und angesichts der Ausgangsbeschränkungen handelt es sich nolens volens dabei um Spiegelfechtereien. Vorzugsweise ausgetragen hinter zeitweise gelüfteten Paywalls und auf Twitter, wo man nebenher auch noch checken kann was der große Gelbe so fiebert. Da möchte auch ich gerne „mixed emotions“ in Worte fassen – so schön unter uns Klosterschwestern und -brüdern.

Na immerhin haben wir nicht auch noch einen Weltkrieg auszuhalten, der Erste davon forderte insgesamt 17 Millionen Opfer - von der „Spanischen Grippe“ 1918/20 dagegen wurden weltweit weitere fast 50 Millionen dahingerafft, was bis vor Kurzem kaum jemand wusste. Kriegerdenkmäler aus der Zeit stehen bis heute in nahezu jedem Ort in Deutschland. „Das Schnüpfchen“ dagegen verschweigt das kollektive Gedächtnis völlig. Es wurde von amerikanischen Soldaten zuerst nach Spanien gebracht, daher der Name.

So viel dazu und wie schnell sowas so weit im geschichtlichen Nebel versinkt, dass manche schon wieder meinen, dass diese gerade eine Woche andauernden Ausgangsbeschränkungen doch völlig übertrieben seien, und nur von Weicheiern für Weicheier angeordnet wurden. Die kleinen Darwinisten würden was winseln wenn sie selbst an den Beatmungsapparat müssten.

Nein, billige Kommunikation braucht kein Mensch, wenn die Sensenfrau durch die Städte zieht.

Das scheinen sich auch die echten Chefs zu denken. Die echten Chefs, die man auch schon fast vergessen hat wozu sie in harten Zeiten da sind: Den Laden zusammenhalten, koste es was es wolle. Und der kommunikative Spaß hört auf, wenn Unternehmen wie adidas rasch Geld retten wollen. Dann fragen die CEOs, wie in schlechten alten Zeiten, auch nicht zuerst ihre PR-Leute.

Wenn also adidas-Boss damit durchkommt, dürfen die angestellten KommunikatorInnen im besseren Fall hinterher erklären, warum das alles selbstverständlich war, mehr noch, eine große Wohltat – und dürften nicht mit sowas wie „Schaden für den Markenwert“ und „Hintergangener Teamgeist“ oder gar „Enttäuschte Marken-Fans“ kommen.

Und wenn es schlecht läuft, na dann werden sie eben gefeuert: Hofnarren wurden früher auch geköpft, wenn sie dem König die zu grausame Wahrheit zu sehr unter die Nase rieben.

Quelle: Screenshot adidas.com vom 1.4.2020)

Ach wie gut, dass ich da nicht mitmischen muss, so aus der Sicht der angestellten Kommunikatoren, denken Sie?

Agenturen oder gar Solo-Kommunikatoren haben es derzeit ehrlich gesagt noch ein wenig schwerer. So wie der Döner-Spieß bis zuletzt brummend rotierte, wenn die Schüler hungrig aus der Schule quollen, so liefen die Kommunikationsagenturen und Einzelberater bis vor kurzem fast schon so heiß, dass man sich branchenweit Sorgen über kollektiven Burnout gemacht hat.

Heutzutage kann sich der Agentur-Mann zum Döner-Budenbetreiber setzen (in gehörigem Abstand) und sie können parallel in den stahlblauen Himmel gucken, ganz ohne Kondensstreifen, die eisig frische Luft atmen und den erstaunten Eichhörnchen zugucken, die sich jetzt wieder bis hinunter auf die Gehsteige wagen.

Ja, stellen sie sich dann die bange Frage, wird es denn ein Leben nach Corona geben?

Na klar.

Man wird tanzen und singen, und dann aber bald nochmal ziemlich zerknirscht sein. Dann, wenn das gesparte oder das geschenkte oder gar das geliehene Geld so schnell verdampft wie nach einem Regen in der Sommerhitze, weil nicht mehr viel neues nachkommt, dann lässt es sich weniger gut den Mund spitzen für wohlfeile Messages.

„Weißt Du“, hören wir den Döner-Chef sagen: „Wir müssen handeln wie diese Eichhörnchen“. Der Kommunikator guckt verdutzt. „Wenn du zu früh auf die Straße springst, überfährt dich noch ein letztes hektisches Auto. Wenn Du aber zu lange von der Baumspitze aus der Welt zuguckst - dann verhungerst Du.“ „Ja“, hören wir den Kommunikator sagen „ist ja glatt wie in der bezahlten Kommunikation. Auf das richtige Timing kommt es an.“

Doch in 3 oder vielleicht in 5 Jahren wird es bestimmt schon wieder ziemlich profitable Agenturen geben. Mit neuen Namen. Und andere Konzernsprecher – die früher, damals schon „was mit Kommunikation“ gemacht haben. Ihre gewonnenen Erfahrungen in der Krise werden sie reflektiert einbringen. Und sie werden gefragt sein im dann wieder quirligen öffentlichen Leben.

Dieses wird anders aussehen. Noch digitaler, „ubiquitär“, die Kommunikation. Kaum noch Bargeld. Der Handschlag wird so antiquiert wirken wie das Tragen eines Zylinders. Man wird stärker nach Wahrheit und Wirksamkeit hinter Worten und Taten suchen. Reisen werden teuer bleiben. Grenzen werden Bedeutung behalten. Freiheit wird wieder erkämpft werden müssen – nicht mehr nur von einigen, dann von allen. Es wird anders bleiben. Aber es wird gelingen.

Widerspruch – gerne, hält gesund!

Wetten? Auch gerne – ´ne Kiste mexikanisches Corona vielleicht.

Herzlich grüßt der Kollege, ziemlich betroffen, aus dem fast schon italienischen Süden unserer corona-föderalen Republik!

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